Kultur

Zwischen Weltanschauung und Verwundung

Von Richard Hörner, Autor & Publizist · Freitag, 12. Juni 2026

Zwischen Weltanschauung und Verwundung

Mit Dichtere Luft. Sieben Schulden und ein weiteres Klopfen hat Likeke ein Stück geschrieben, das den Ehrgeiz besitzt, mehr zu sein als Gegenwartsdramatik im üblichen Sinn: nicht bloß ein Drama über politische Begriffe, biographische Verletzungen oder moralische Konflikte, sondern ein Text, der diese Dinge in ein Druckverhältnis setzt, in dem sie ihre gewohnte Stabilität verlieren. Der Schauplatz ist von zwingender Plausibilität und zugleich von großer poetischer Produktivität: ein Expeditionszelt im Everest Base Camp, also ein Ort der physischen Auszehrung, der dünnen Luft, der schlechten Wärme, der Übermüdung und des dünner werdenden Sprechens. Gerade hier, wo schon der Atem keine Selbstverständlichkeit mehr ist, lässt Likeke eine Gruppe von Menschen aufeinandertreffen, die über Menschenrechte sprechen soll — und bald nicht mehr umhin kann, über Schuld, Verlust, Angst, Lüge, Beschädigung und den brüchigen Rest von Würde zu sprechen.

Der Kunstgriff des Stückes besteht darin, dass es seine Figuren nie als bloße Träger von Positionen behandelt. Zwar stehen in diesem Zelt Biographien, politische Prägungen und weltanschauliche Reflexe hart gegeneinander: die zählende Juristin Nadia, der aus der Haft kommende Okoro, die unruhig funktionierende Journalistin Irène, der trinkende Sherpa Dawa, der beobachtende Tenzin, Wade Briscoe mit seiner Kohle in der Brusttasche, Yara mit ihrer kalten Entschiedenheit, Pemba als fast lautlose Form der Treue, dazu die Krümmerin, diese großartige, halb groteske, halb archaische Figur, die dem Text etwas Orakelhaftes gibt, ohne ihn je dem bloßen Allegorischen preiszugeben. Aber Likeke ist klug genug, diese Konstellation nicht im Debattenhaften zu erschöpfen. Die Menschen in diesem Stück reden nicht einfach; sie tragen ihre Macken, Rituale, Dinge, Schutzmechanismen, ihre Verschiebungen und inneren Defekte mit auf die Bühne. Gerade dadurch gewinnen die Dialoge Schwerkraft.

Man kann an diesem Text bewundern, mit welcher Konsequenz er Bedeutung nicht nur über Gesagtes, sondern über Wiederkehr organisiert. Tassen, Notizbuch, Stein, Radio, Flachmann, Karabiner, Kohle, Messer: Das alles ist hier nicht Requisitenmaterial, sondern Speichermasse. Die Dinge behalten etwas, während die Menschen sich verreden, ausweichen, klammern, angreifen oder in Witze flüchten. Likeke vertraut nicht auf den bloßen Gedanken; er weiß, dass Theater dort stark wird, wo Gedanke, Gegenstand und Geste eine unauflösliche Verbindung eingehen. So erhält Dichtere Luft jene eigentümliche Dichte, die man in der neueren Dramatik nicht allzu häufig findet: eine Dichte, die nicht aus Überfrachtung entsteht, sondern aus der genauen Setzung von Wiederholung, Verschiebung und atmosphärischer Belastung.

Hinzu kommt eine Sprache, die sich wohltuend gegen den Irrtum sperrt, Bühnenrealismus müsse im Ton des Alltags aufgehen. Likeke schreibt künstlich im besten Sinn: rhythmisiert, zugespitzt, bisweilen von schwarzer Komik durchzogen, dann wieder von einer fast unerwarteten Zärtlichkeit. Seine Figuren sprechen nicht naturalistisch, aber sie sprechen aus einer Wahrheit ihrer Beschädigung heraus. Gerade darin liegt die eigentliche Stärke dieses Stückes. Es will nichts illustrieren, es will auch keine moralische Komfortzone anbieten. Es setzt seine Figuren und mit ihnen das Publikum einem Gelände aus, in dem Begriffe nicht verschwinden, aber ihren Schutz verlieren. Dichtere Luft ist deshalb ein bemerkenswert ernsthafter, eigenwilliger und erinnerungsstarker Theatertext — ein Stück von philosophischer Unruhe und szenischer Vorstellungskraft, das seine Fallhöhe nicht behauptet, sondern dramatisch herstellt.

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