Politik

Nicht Ausgleich, sondern Richtung

Von Raphael Ruffius, Redakteur · Samstag, 9. Mai 2026

Nicht Ausgleich, sondern Richtung

Liko Klees Manuskript versucht, genau an diesem Punkt neu anzusetzen. Es ersetzt die geläufige Sprache nicht aus Eigensinn, sondern aus Misstrauen gegenüber ihrer Reichweite. Wo von Deutschland und Israel die Rede ist, von Holocaust, Schuld und gegenwärtiger Bedrängnis, genügen die üblichen Wörter diesem Text nicht mehr.

Seine begriffliche Eigenheit – Grund, Phaenon, Lebenskapsel, Grundbedrängnis – ist mehr als terminologische Vorliebe. Sie dient dazu, den Gegenstand unterhalb der politischen Oberfläche freizulegen. Der Mensch erscheint hier als fragile, bewusste, endliche Existenzform, als „Lebenskapsel“ im Hiersein. Aus dieser Perspektive gewinnt die deutsche Schuld ein anderes Profil. Sie ist nicht bloß Gegenstand historischer Erinnerung, sondern die Last jenes Landes, das den industriellen Massenmord nicht nur vollzog, sondern ihn verwaltbar machte. Das Verbrechen bestand nicht allein im Töten, sondern in der Fähigkeit, Vernichtung in Sprache, Gesetz, Technik und Organisation zu überführen.

Israel wiederum wird nicht sentimentalisiert. Das Manuskript verweigert sich sowohl der Exkulpation als auch der vorschnellen Verurteilung. Es insistiert darauf, dass Bedrängnis immer einzelne Menschen trifft und nie ein mystisches Kollektivsubjekt. Dennoch kann die wiederholte Bedrohung vieler einzelner Leben im politischen und symbolischen Raum eine Verdichtung erzeugen, die einen Ort selbst verändert. Israel erscheint so als der Raum, in dem die fortgesetzte Gefährdung vieler einzelner Existenzen eine historische und symbolische Schwere angenommen hat. Nicht als ontologische Super-Einheit, wohl aber als verdichteter Druckraum.

Der eigentliche Reiz des Textes liegt freilich dort, wo er den Schritt vom Befund zur Frage wagt. Wenn Schuld nicht begleichbar ist, was folgt dann aus ihr? Klee lehnt jede Äquivalenzvorstellung ausdrücklich ab. Nichts könne Auschwitz ausgleichen, kein Territorium, kein Vertrag, keine symbolische Großgeste. Und gerade deshalb müsse man anders fragen: nicht nach Ausgleich, sondern nach Richtung. Von hier aus gewinnt das Manuskript seine eigentliche Zumutung. Es denkt ein Deutschland, das aus der Tiefe seiner Schuld nicht nur Gedenkroutinen, sondern tragendes Handeln entwickelt – bis hin zur Idee eines realen Angebots von Boden als Raum belastbareren Halts für bedrohte Existenzen.

Man wird einwenden, dies überschreite die Grenzen des politisch Sagbaren. Gerade das weiß der Text. Er verweist selbst darauf, dass seine Frage die Regeln der Diplomatie und der klassischen Außenpolitik bricht. Doch der Gewinn seines Gedankengangs liegt nicht notwendig in der unmittelbaren Praktikabilität des Vorschlags. Er liegt darin, die Leere des gegenwärtigen Verantwortungsgeredes sichtbar zu machen. Ein feierliches Wort wie Staatsräson, so legt das Manuskript nahe, bleibt leer, solange es nicht in eine Form übersetzt wird, die der Unbegleichbarkeit der Schuld standhält und dennoch Richtung erzeugt.

Man kann diesen Entwurf kühn nennen, vielleicht überzogen, gewiss unzeitgemäß. Gerade deshalb verdient er Aufmerksamkeit. Er zwingt dazu, Deutschland nicht bloß als Mahnraum der Vergangenheit und Israel nicht bloß als Objekt aktueller Parteinahmen zu betrachten, sondern beide in einem Verhältnis von Schuld und Bedrängnis neu zu denken. Nicht jede Zumutung überzeugt. Aber manche sind nötig, damit Denken nicht im Bekannten erstarrt.

Mehr zu dem Buch, das am 14.04.2026 erscheint, hier.