Die Begriffe hinter dem Grundriss
Unter den Meldungen des BundesHORN steht ein kurzer Absatz, den wir Grundriss nennen. Seine Begriffe stammen aus der Ontologie, die in drei Büchern des Poolsing Verlags entwickelt wird: Grundblindheit, Imaginäre Menschenrechte und Grund für Israel. Dieses Glossar erklärt sie in der Reihenfolge, in der sie aufeinander aufbauen – jeden Begriff mit einer Stelle aus den Büchern.
Grundriss Das Maß Grund und Erscheinung Die Lebenskapsel Das Innen Zwischen den Kapseln Recht, Schutz und Ort Die Felder Die Bücher
Abrasion Appetio Conscio Emotio Entkrümmung Entzug Grund Grundbedrängnis Grundblindheit Halt Hiersein Imagieren Imagio Inflationärer Realismus Interio Kern Konvergenzzone Krümmung Lebenskapsel Lex Orto Pathisch und poietisch Perspectio Phaenon Pseudopoiesis Ratio Rückwehr Schwelle Suggestion Tragbedingungen Übergriff Verdichtungsort Volo Weiter Schutzbegriff Würde
Grundriss nennen wir den kurzen Absatz unter einer Meldung. Er stellt an die Nachricht eine Frage des Lebens – die eine aus den zehn Fragen des Maßes, die gerade dieser Fall am schärfsten stellt: Wer ist betroffen? Welche Tragbedingung ist berührt? Wird Würde vorausgesetzt oder bemessen? Wie wird imagiert? Der Grundriss bewertet nicht und nimmt keine Partei. Er legt ein Maß an, das für alle Seiten dasselbe ist.
Das Maß gilt für alle Seiten. Zwei Sichtweisen können wahr sein, ohne dass eine von ihnen allein richtig wäre.
Das, worauf alles steht, und das, woraus alles hervorgeht – Boden und Ursache in einem Wort; wir sehen ihn ständig, erkennen ihn aber nicht als Grund.
Das Wort ist gewählt, weil es im Deutschen doppelt spricht: Grund ist, worauf man steht, und woraus etwas kommt – das Tragende und das Hervorbringende zugleich. Gemeint ist kein Ding unter Dingen, nichts, was man hervorziehen könnte wie eine Münze aus der Tasche. Verborgen ist er nicht: Alles, was wir je sehen, ist Grund – wir nennen es nur Tisch, Stimme oder Geld.
Über ihn selbst wird mit Absicht wenig gesagt. Grundblindheit beschreibt nur, dass er uns als Ausschnitt und Deutung erscheint; mehr zu sagen hieße zu träumen. Er ist kein Gott und kein Jenseits; mit Meister Eckharts Seelengrund teilt der Begriff die Intuition, nicht die Theologie. Imaginäre Menschenrechte gibt ihm das Bild des Meeres: Wer bis zur Brust im Wasser steht, sieht Wellen und Licht, aber nicht das Meer, das ihn trägt. Grund für Israel hält fest: Grund ist keine Schicht unter einer anderen, sondern das, woraus die Schichten sind; wo er nicht mehr trägt, spricht es vom Abgrund.
„Wir sehen lauter Grund und halten ihn für lauter Dinge.“ – aus Grundblindheit
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Phaenon · Grundblindheit · Lebenskapsel
Alles, was uns als Wirklichkeit begegnet – Dinge und Körper ebenso wie Gesetze, Nachrichten und Institutionen: der Grund, wie er einem einzelnen Wesen erscheint.
Das Wort ist aus dem griechischen phainómenon gekürzt, dem Sich-Zeigenden. Es meint weder Schein noch Täuschung und keine zweite Welt über dem Grund, sondern dessen Erscheinungsform, gesehen aus der Lage eines einzelnen Wesens: zugeschnitten von den Sinnen, gedeutet im Innern. Grundblindheit zeigt es am Regenbogen. Licht und Regen sind wirklich; einen Ort, an dem der Bogen steht, gibt es nicht. Er entsteht für den, der ihn sieht – einen Schritt zur Seite, und es ist ein anderer.
Das Phaenon ist damit das vollständige Maß dessen, was uns als Wirklichkeit zugänglich ist, und nichts darüber hinaus. Weil jeder aus seiner Lage sieht, können zwei Phaenons im selben Raum stehen, beide wahr und keines richtig. Imaginäre Menschenrechte rechnet auch die Menschenrechte selbst und ihre Verletzungen zum Phaenon; ein Volk nennt es ein Muster im Phaenon, wirksam, aber keine Krümmung des Grundes. In Grund für Israel wird das Wort zum Maß: Etwas kann richtig sein und doch im Phaenon bleiben – sichtbar, hörbar, benennbar, ohne den Grund zu erreichen.
„Alles, was wir wahrnehmen, ist Grund – und alles, als was wir es wahrnehmen, ist unser.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Stützt der politische Vorgang eine Tragbedingung, oder bleibt er im Phaenon – bei Worten, Zeichen und Bildern?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Grund · Grundblindheit · Konvergenzzone · Tragbedingungen
Die Lage des Menschen, der den Grund ständig vor Augen hat und selbst aus ihm besteht, ihn aber nie als Grund erkennt.
Das Wort, das dem Buch Grundblindheit den Namen gibt, benennt kein Versäumnis, sondern eine Lage. Die Seifenblase, das Bild des Buches, kann sich von innen nicht flach sehen; ihre Wölbung ist ihr Sehen. Diesen ontologischen Bruch schließt keine Forschung und kein Wille; er gehört zur Struktur des Hierseins. Grundblindheit heißt der Zustand, in dem er zur Verfassung des Lebens wird. Sie wird nicht geheilt und bleibt der Normalzustand; sie kann sich nur verdünnen, in Augenblicken, die einem widerfahren, statt errungen zu werden.
Der Mensch antwortet auf diese Lage, ohne zu wissen, dass er es tut: mit Ablenkung, Konsum, Ideologie und Projektion – das Buch nennt das den Karneval. Die Grundstimmung ist weniger Angst als ein leises Unbehagen, das Knarren im vertrauten Zimmer; ebenso oft zeigt sich die Nähe zum Grund als Neugier und Antrieb. Imaginäre Menschenrechte betont die Unruhe, die der Zustand auslöst. Grund für Israel hält fest, dass der Bruch nicht zwischen zwei Welten verläuft, sondern in der einen – zwischen dem, was ist, und dem, was erfahren werden kann.
„die Blindheit eines Sehenden, der alles sieht und nichts davon als Grund erkennt“ – aus Grundblindheit
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Grund · Phaenon · Hiersein · Konvergenzzone
Das Gebiet, in dem die Bilder, die Menschen in sich tragen und einander zutragen, zusammenlaufen und sich überlagern – im Einzelnen, zwischen Menschen und in der Welt.
Das Wort kommt vom lateinischen convergere, sich zusammenneigen. Gemeint ist kein Punkt, an dem sich Linien kreuzen, sondern ein Gebiet, in dem mehrere Strömungen ineinander übergehen, ohne dass eine die anderen aufnähme: was sich früh in einem Menschen ablagert, was zu seiner Gestalt zusammenwächst, das Bild, das er von sich hat und das andere von ihm tragen, und das Einwirken auf fremdes Inneres. Das geschieht in jedem Einzelnen, in jeder Begegnung und in der Welt, wo die Bilder unzähliger Menschen aufeinandertreffen.
Hier verdichtet sich die Grundblindheit zur Bauweise, und aus ihr geht der inflationäre Realismus hervor. Doch dieselbe Zone ist die einzige Stelle, an der die Grundblindheit sich wieder verdünnen kann. Wie sie verfehlt wird, zeigt das Buch an einer Gesprächsrunde im Fernsehen: Das Studio könnte ein Gebiet sein, in dem zwei Phaenons einander berühren, und wird zur Bühne, die das dichteste Bild belohnt und das tastende Wort bestraft.
„Wo alles zusammenläuft, kann auch alles wieder auseinandergehen.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Lässt die Darstellung zwei Sichtweisen einander berühren, sodass eine gemeinsame Beschreibung möglich bleibt, oder belohnt sie das dichteste Bild?
Entwickelt in: Grundblindheit · Siehe auch: Inflationärer Realismus · Grundblindheit · Phaenon · Imagieren
Eine Zeit, in der unzählige hergestellte Wirklichkeiten nebeneinanderstehen, jede mit dem Anspruch, die einzige zu sein – und darum jede leichter wiegt.
Das Wort ist eigens geprägt und steht im Untertitel von Grundblindheit. Inflation meint das Aufblähen ohne Substanzgewinn, das Mehrwerden, in dem das Einzelne immer weniger wiegt; Realismus das Festhalten an der Wirklichkeit. Zusammen beschreiben sie eine Welt, in der Wirklichkeiten in großer Zahl aus Bildern hergestellt und von Werbung, Plattformen und Algorithmen bewegt werden. Es gibt nicht weniger Realismus, sondern mehr; aber jeder ist dünner, weil neben ihm schon der nächste steht. Das Buch zeigt es auch an der Bildung: Man misst und fördert mehr, doch das Mehr wiegt weniger.
Später greift das Buch auf die Wirtschaft zurück: Inflation ist die Vermehrung des Zeichens unter Verlust seines Halts. Was als Wirklichkeit gilt, gilt so, weil keine andere lauter geworden ist. Das bedeutet nicht das Ende der Wahrheit, wohl aber das Ende ihres Vorrangs. Eine verwandte Diagnose stellt Imaginäre Menschenrechte für die wachsende Zahl ausgerufener Rechte: Je mehr davon im Umlauf sind, desto weniger gilt jedes einzelne.
„Wahrheit als Maßstab wird Wahrheit als Konkurrenz.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Tritt eine Darstellung mit dem Anspruch auf, die einzige Wirklichkeit zu sein?
Entwickelt in: Grundblindheit · Siehe auch: Konvergenzzone · Phaenon · Imagieren · Suggestion
Der einzelne Mensch, gedacht als zerbrechliche, zeitlich begrenzte Wölbung des Grundes – ungewählt, bewusst, für eine Weile aufgespannt wie eine Seifenblase.
Das tragende Bild ist die Seifenblase. Aus einer flachen Lauge hebt ein Hauch eine Wölbung, einen Innenraum, wo eben nur Fläche war; die Blase besteht aus nichts als Lauge, und doch gibt es jetzt ein Drinnen und ein Draußen. Auf ihrer Haut erscheint die Umgebung in ihren eigenen Farben – das ist ihr Phaenon. Kapsel heißt sie, weil das Wort etwas Dünnes, zeitlich Begrenztes andeutet: kein Behälter, sondern der Zustand, in dem ein Wesen sich, ohne es zu wissen, als die Welt vorkommt.
Imaginäre Menschenrechte betont die Zerbrechlichkeit – ein Sturz, ein Blutgerinnsel, und die Kapsel bricht – und hält fest, dass es keine kollektive Lebenskapsel gibt: Ein Volk ist eine Formation vieler Kapseln, keine eigene. Grund für Israel formuliert eine Regel des Zählens – die ontologische Zählung beginnt jedes Mal bei eins – und warnt zugleich, den Einzelnen als versiegelte Glasform zu denken: Sprache, Erinnerung und Gemeinschaft leben in ihm.
„Diese Blase ist, was dieses Buch die Lebenskapsel nennt. Wir sind sie, jeder Einzelne von uns.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Wer ist betroffen – gezählt vom einzelnen Menschen aus, nicht von Nationen oder „der Gesellschaft“?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Krümmung · Entkrümmung · Hiersein · Phaenon · Grund
Der Anfang eines Menschen, gedacht als Ereignis im Grund: Der Grund wölbt sich, und ein Innen entsteht – im Phaenon nennt man dieses Krümmungsereignis Geburt.
Grundblindheit wählt das Wort, weil es keine Hinzufügung von außen meint, sondern eine Verformung des Grundes selbst. Nichts Fremdes tritt in die Welt; der eine Stoff wölbt sich und bekommt dabei ein Innen, so wie ein Streifen Pfirsichhaut sich unter dem Messer von der Frucht abhebt und doch mit ihr verbunden bleibt. Das Wort bezeichnet darum beides: das Ereignis, in dem ein Innen entsteht, und die Gekrümmtheit, in der ein Mensch lebt. Jeder Mensch ist eine Krümmung, ungewählt, fragil, bewusst.
Die Krümmung geschieht ungefragt: Im Phaenon lösen zwei Menschen sie aus, ohne dass die entstehende Kapsel zustimmen könnte, und sie hätte ebenso gut nicht sein können. Imaginäre Menschenrechte gründet darauf das Ungewählte, das erste Element der Würde. Grundblindheit hält fest, dass die Krümmung weder mit der Befruchtung noch mit der Geburt einfach zusammenfällt; wann sie eintritt, lässt sich im Phaenon nicht bestimmen. Grund für Israel zieht die Grenze am Boden: Berg, Tal und Fluss haben keine Krümmung, die einen Innenraum erzeugt.
„Er hat diese Krümmung weder beantragt noch beschlossen.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Entkrümmung · Lebenskapsel · Grund · Würde
Das Ende eines Menschen, gedacht als Ereignis im Grund: Die Wölbung fällt in die Fläche zurück – im Phaenon heißt das Tod.
Im Bild der Seifenblase: Irgendwann zerplatzt sie, ungerufen, meist mitten im Schillern, und der Film fällt zurück in die Fläche, aus der der Hauch ihn hob. Dieses Entkrümmungsereignis ist nicht kittbar. Über ein Danach schweigt das Buch Grundblindheit streng; es tröstet nur, indem es zwei falsche Bilder wegnimmt, das Nichts und das Fremde: Wir kehren ins Vertraute zurück, in den Grund, den wir immer gesehen haben.
In Grundblindheit bilden Krümmung und Entkrümmung das Paar der einzigen Ereignisse, von denen wir wissen, dass sie den Grund verändern. Grund für Israel geht weiter: Wo ein Staat die Vernichtung von Millionen organisiert, entsteht im Grund ein eigenes Ereignis, ein Riss. Vor der Zeit erzwingen lässt sich eine Entkrümmung auf zwei Wegen, durch Übergriff oder Entzug; Imaginäre Menschenrechte stellt darum das Recht auf Leben an die erste Stelle. Wie leicht dafür das Wort fehlt, zeigt Grundblindheit an einer Nachrichtensendung, die einen gewaltsamen Tod Kollateralschaden, Eskalation oder Lage nennt.
„Zählen, um das Ausmaß zu sehen. Widerstehen, damit das Gezählte nicht anonym wird.“ – aus Grund für Israel
Im Grundriss: Benennt die Meldung einen Tod als das Ende eines einzelnen Menschen – oder als Zahl, Eskalation, Lage?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Krümmung · Übergriff · Entzug · Lebenskapsel · Abrasion
Dieses konkrete Leben – hier, in diesem Körper, in diesem Augenblick; das, was die meisten Menschen meinen, wenn sie ehrlich von Wirklichkeit sprechen.
Das Wort tritt bewusst an die Stelle von Heideggers Dasein: kein abstraktes Da, sondern ein konkretes Hier. Hiersein ist nicht das Leben als Begriff, sondern als spürbare, einzelne Lage: ein Kind, das die Augen öffnet und das Licht sieht; eine Mutter, die ihrem Säugling über den Kopf streicht. Grundblindheit behält ein zweites Wort: Dasein heißt es dort, wenn ein Mensch sich auf seine eigene Lage wendet und in den Blick nimmt, dass er lebt.
Grundblindheit und Imaginäre Menschenrechte unterscheiden: Leben ist eine Kategorie des Phaenons, biologische Vorgänge zwischen Geburt und Tod; Hiersein ist die Tatsache, dass eine Krümmung ungewählt, fragil und bewusst in die Grundbedrängnis getreten ist. Imaginäre Menschenrechte folgert, dass das Hiersein an keine Bedingung zu knüpfen ist, weil niemand es gewählt hat, und findet ein Recht auf Hiersein, das allen dreißig Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zugrunde liegt. Grund für Israel stellt klar, dass Hiersein keinen geographischen Ort meint, sondern das Existieren zwischen Krümmung und Entkrümmung, mit Bewusstsein, Atem und Empfindung.
„Es ist immer einzeln. Immer hier. Immer jetzt.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Geht es darum, ob Menschen im Hiersein bleiben können – oder um Komfort und Standard?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Lebenskapsel · Grundbedrängnis · Würde · Phaenon
Der Verschleiß, den ein Leben aus sich selbst erfährt – Altern, Abnutzung, Krankheit, die innere Uhr –, ohne dass ihn jemand verursacht.
Das Wort kommt vom lateinischen abradere, wegschaben, abreiben. Gemeint ist die Beanspruchung, die aus der Krümmung selbst kommt – wie ein gebogenes Blech, das an der Biegestelle ermüdet, nicht weil eine Kraft von außen drückt, sondern weil die Biegung das Material beansprucht. Die Abrasion läuft von der ersten Sekunde an und endet erst mit der Entkrümmung. Sie ist kein Übergriff; sie gehört zur Wölbung wie ihre Mitgift.
Aufheben lässt sie sich nicht, bremsen wohl: Was ihr im Phaenon entgegenarbeitet, heißt in Grundblindheit Tragbedingungen. Das Buch zeigt auch, dass sie nicht nur am Leib wirkt, sondern an der inneren Gestalt – manche Menschen werden im Alter dichter und verschlossener, andere durchlässiger und leichter. Imaginäre Menschenrechte sieht in ihr die äußere Seite der Grundbedrängnis und unterscheidet genau: Altern und Krankheit kommen aus der Krümmung selbst; ein Menschenrecht betrifft erst, was andere an Bedrängnis hinzufügen.
„Schon ohne Zutun von außen reibt die Krümmung an sich selbst.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Handelt es sich um Abrasion, die aus dem Leben selbst kommt, oder um Bedrängnis, die Menschen oder Systeme steigern?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Tragbedingungen · Krümmung · Entkrümmung · Grundbedrängnis
Alles, was einen Menschen trägt und dem Verschleiß entgegenarbeitet – Wärme, Nahrung, Schutz, eine Hand, die hält; Luft, Wasser, Boden, Klima; eine Ordnung, die hält.
Gemeint ist, was ein Leben im Phaenon hält, solange es hält; ein Mensch, für den gesorgt wird, hält länger als einer, für den niemand sorgt. Neben Wärme, Nahrung und Obhut nennt Grundblindheit die Familie als die dichteste Tragbedingung, die ein Mensch haben kann, dazu Luft, Wasser, Boden und Klima, Schutz und eine Ordnung, die hält. Fallen Tragbedingungen weg, läuft die Abrasion ungehindert bis zum Ende.
Im Streit um die Flucht fragt Grundblindheit nach den Tragbedingungen aller Beteiligten: derer, die fliehen, derer, die aufnehmen, und derer, die zurückbleiben. Grund für Israel gebraucht das Wort nicht, nennt aber neben Luft, Wasser und Boden auch Erinnerung, Sprache und Recht als Bedingungen des Hierseins und fragt in einem weiten Schutzbegriff nach dem, was Lebenskapseln tatsächlich trägt: Nahrung, Wohnung, medizinische Versorgung, zivile Infrastruktur. Brücke, Schule und Krankenhaus heißen dort Formen des Haltens. Imaginäre Menschenrechte zählt ein Mindestmaß an Ernährung, Unterkunft und medizinischer Versorgung zum Recht auf Hiersein.
„Was im Phaenon der Abrasion entgegenarbeitet (aufgehoben werden kann sie nicht), nennen wir die phaenomenalen Tragbedingungen.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Welche Tragbedingung berührt der Vorgang – und für wen?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Abrasion · Entzug · Übergriff · Hiersein · Weiter Schutzbegriff · Halt · Schwelle
Der eine von zwei Wegen, auf denen ein Leben vor der Zeit zu Ende geht: Ein anderer bricht es durch eine Tat – im härtesten Fall Mord, Folter, Krieg.
Grundblindheit unterscheidet zwei Wege, auf denen ein Mensch vor der Zeit zu Boden gehen kann. Auf dem Weg des Übergriffs wirkt ein anderer aktiv ein und bricht die Wölbung durch eine Tat. Das Gegenstück ist der Entzug, ein Nicht-Tun, bei dem das Nötige verweigert wird. Im Phaenon könnten die beiden Wege kaum verschiedener sein; im Grund laufen sie auf dasselbe hinaus. Beides ist eine erzwungene Entkrümmung – beim Übergriff sofort, beim Entzug mit Verzögerung.
Grundblindheit und Imaginäre Menschenrechte halten fest, dass solches Brechen alltäglich ist: Täglich lösen Handlungen im Phaenon ontologische Ereignisse aus, deren Tragweite die Handelnden nicht ermessen, weil sie nicht wissen, was eine Lebenskapsel ist. Imaginäre Menschenrechte gebraucht das Wort Übergriff nicht, beschreibt aber dieselbe Möglichkeit: Andere können eine Kapsel brechen oder durch Folter, Gewalt und Freiheitsberaubung verformen. Nach dieser Bedrängnis durch andere fragt dort das Kriterium, das Menschenrechte von politischen Anliegen scheidet.
„Im Phaenon ist das eine Tat, das andere Stille.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Tat oder Stille: Bricht jemand durch eine Tat in ein Leben ein – oder wird ihm etwas bloß nicht mehr gegeben?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Entzug · Entkrümmung · Tragbedingungen · Grundbedrängnis
Der stille der zwei Wege, auf denen ein Leben vor der Zeit zu Ende geht: keine Tat, sondern ein Nicht-Tun – was es trägt, wird verweigert oder nicht mehr gegeben.
Auf dem Weg des Entzugs bricht niemand die Wölbung durch eine Tat. Die Tragbedingungen, die dem Verschleiß entgegenwirken, werden verweigert, und die Abrasion läuft ungehindert bis zum Ende. Grundblindheit gibt drei Bilder dafür: der ausgesetzte Säugling, der vergessene Greis, das Kind, das im kalten Winter keine Decke bekommt. Im Grund ist der Entzug eine erzwungene Entkrümmung wie der Übergriff, nur mit Verzögerung; im Phaenon ist er keine Tat, sondern Stille.
Es gibt ihn auch als leisen Weg ganzer Ordnungen. Eine Ordnung, die Menschen als Arbeitskräfte, Käufer und Datensätze verbucht, muss die Familie nicht bekämpfen; es reicht, dass sie sie nicht braucht. Imaginäre Menschenrechte kennt das Wort nicht; nahe kommt ihm dort die Schwelle: Wo ein Mensch hungert, friert oder an Behandelbarem stirbt, weil ihm die Grundversorgung verweigert wird, wird das soziale Anliegen zum Menschenrecht. Grund für Israel gebraucht das Wort im Großen: Es spricht von einer Architektur des Entzugs und stellt ihr eine Architektur des Haltgebens gegenüber.
„die Tragbedingungen werden nicht zerschlagen, sie werden bloß nicht mehr vorausgesetzt, nicht mehr gestützt, nicht mehr mitgedacht“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Wird eine Tragbedingung bloß nicht mehr vorausgesetzt – und wer trägt den Entzug?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Übergriff · Tragbedingungen · Abrasion · Entkrümmung · Schwelle · Halt
Die Bedrängnis, in der jedes Leben von Anfang an steht – zerbrechlich, vergänglich, verletzbar; Menschenrechte schützen davor, dass andere sie ins Unerträgliche steigern.
Das Wort gehört vor allem zu Imaginäre Menschenrechte. Eine Lebenskapsel ist dort nicht nur fragil, sie ist bedrängt – zuerst nicht von Feinden oder Systemen, sondern von ihrem Ursprung her, durch die Spannung der Krümmung selbst. Nach außen zeigt sich das als Abrasion, nach innen als diffuses Unbehagen, wenn die Ablenkungen verstummen. Daraus gewinnt das Buch sein Kriterium: Menschenrechte schützen nicht gegen jede Unbequemlichkeit oder Ungleichheit, sondern dagegen, dass andere Entitäten, auch menschengemachte Systeme, diese Bedrängnis ins Unerträgliche steigern.
Grund für Israel schärft zweierlei: Grundbedrängnis ist immer die einer einzelnen Lebenskapsel, auch wo sie sich zu einem kollektiven Klima verdichtet; und sie ist nicht erst der Einschlag, sondern schon seine Erwartung – sie beginnt, wo der Alltag seine Unschuld verliert. Zugleich hält das Buch fest: Bedrängnis heiligt nichts und rechtfertigt nicht alles; ein bloßer Vorwand ist sie aber auch nicht, sie erklärt einen Druck. In Grundblindheit ist die Familie ihre erste Abwehr, und Politik könnte der Ort sein, an dem Menschen eine gemeinsame Beschreibung ihrer Grundbedrängnis fänden.
„Grundbedrängnis ist kein Sonderzustand – sie ist die Grundverfassung des Hierseins.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Steigert der Vorgang die Bedrängnis einzelner Menschen durch das Handeln anderer, oder geht es um Verteilung oberhalb der Schwelle?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Lebenskapsel · Abrasion · Hiersein · Kern · Schwelle · Würde
Die Unantastbarkeit jedes Menschen, die nicht verliehen, sondern gefunden wird – weil jedes Leben ungewählt, zerbrechlich und bewusst ist.
Würde wird nicht verliehen, sondern gefunden. Imaginäre Menschenrechte geht die überlieferten Begründungen durch und findet in jeder eine Bruchstelle: Die religiöse setzt einen Glauben voraus, den nicht alle teilen; die vernunftrechtliche eine Eigenschaft, die nicht allen zu jeder Zeit zukommt – man denke an das Neugeborene, den schwer Dementen, den Menschen im Koma; die rechtspositivistische einen Gesetzgeber, der die Würde nicht abschafft. Grundblindheit stellt sie auf drei Tatsachen jeder Krümmung: ungewählt, fragil, bewusst – bewusst als Verfassungsmerkmal, das auch Schlafende und Bewusstlose tragen.
Imaginäre Menschenrechte ordnet die Elemente eigens: Das Ungewählte und das Bewusste bilden die Struktur der Würde, das Erkannte ist ihr Zugang – in der Begegnung sieht ein Mensch im anderen dieselbe Lage wie in sich. Auch wer ungesehen in einem Keller verschwindet, hat Würde; dass niemand hinschaut, ist ein Versagen der Welt. Grundblindheit zeigt die Gegenfigur, etwa im Wartesaal eines Sozialamts: Wo Würde an Leistung und Brauchbarkeit geknüpft und zugeteilt wird, wird sie zur Erlaubnis, die jederzeit zurückgenommen werden kann.
„Die Anschauung erzeugt die Würde nicht. Sie findet sie.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Wird Würde vorausgesetzt – oder an Leistung, Nützlichkeit oder Herkunft geknüpft und damit zugeteilt?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Hiersein · Lebenskapsel · Krümmung · Grundbedrängnis
Der ganze innere Raum eines Menschen, in dem aus Wahrnehmungen Empfindungen, Urteile, Überzeugungen und Handlungen werden – oder, ebenso oft, deren Unterlassung.
Das Wort kommt vom lateinischen interior, das Innere. Gemeint ist nicht die Psyche, nicht das Gehirn und nicht das Gewissen, sondern das Ganze. Grundblindheit und Imaginäre Menschenrechte zeichnen es als Werkstatt, die niemals schließt: Werkzeuge liegen darin, die ihr Bewohner nicht selbst angeschafft hat, Bilder, die er nicht selbst gemalt hat, und mittendrin steht ein Mensch, allein, und formt – oder wird geformt. Ein Fenster nach draußen hat sie nicht; alles kommt durch eine schmale Tür herein: die Sinne, die Sprache, die Erinnerung.
Imaginäre Menschenrechte zeigt, was dieser Werkstatt angetan werden kann: Beim Überlebenden syrischer Foltergefängnisse ist sie verwüstet wie nach einem Brand, obwohl er lebt. Ein Menschenrecht existiert nach diesem Buch nicht dadurch, dass es in einem Dokument steht, sondern dadurch, dass es im Interio mindestens eines Menschen lebt. Grund für Israel zeigt, dass Sprache, Ritus und Erinnerung eines Volkes nicht außerhalb der Einzelnen leben, sondern in ihrem Interio – etwa bei einer Frau in Haifa, die am Freitagabend die Kerzen anzündet.
„Das Interio ist das Ganze: der vollständige innere Raum, in dem ein Mensch sein Hiersein verarbeitet“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Trifft das Geschehen nur Körper und Besitz, oder greift es in das Innere der Menschen ein – in ihre Sprache, ihren Glauben, ihre Erinnerung, ihre Gedanken?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Imagio · Lebenskapsel · Hiersein · Kern
Eine innere Gestalt im Menschen, weder bloßer Gedanke noch bloßes Gefühl, sondern beides verflochten – etwa eine Angst, eine Überzeugung, ein Bild von sich oder von anderen.
Das Wort lehnt sich an das lateinische imago an, das Bild, und ist bewusst verschoben, damit es nicht mit psychologischen Schulbegriffen verwechselt wird. Gemeint ist kein eingefrorenes Einzelbild, sondern ein Geflecht innerer Bewegung aus fünf Elementen, die zusammenwirken wie die Instrumente eines Orchesters: Orto, der äußere Anker; Emotio, die leibliche Färbung; Ratio, die ordnende Verknüpfung; Lex, der innere Imperativ; Perspectio, der Standort des inneren Beobachters. Der Begriff stammt aus einer früheren Arbeit über Angst- und Zwangsstrukturen.
Grundblindheit zeigt, wie die ersten Imagines im Säugling entstehen: Wiederkehrende Eindrücke schlagen sich nieder wie Kalk, wo Wasser immer wieder über einen Stein läuft. Imaginäre Menschenrechte überträgt die Beschreibung auf Überzeugungen und spricht von der Architektur einer Überzeugung, die so politisch wie persönlich ist. Grund für Israel übernimmt die fünf Elemente aus der Arbeit über Angst- und Zwangsstrukturen, ohne sie selbst entwickelt zu haben, und erfasst damit, was in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschah: eine systematische Konstruktion erlittener Imagines an konstruierten Wahrnehmungsankern.
„eine innere Gestalt, die in der Werkstatt des Interio entsteht, pulsiert, sich verändert und irgendwann vergeht“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Welche innere Gestalt legt die Darstellung im Leser an – ein Bild von Bedrohung und Gegnern oder Stoff für ein eigenes Urteil?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Interio · Orto · Emotio · Ratio · Lex · Perspectio · Pathisch und poietisch
Der äußere Anlass, an dem sich eine innere Gestalt entzündet und ausrichtet – ein Ort, ein Geruch, eine Stimme, ein Blick, eine Schlagzeile.
Orto ist der äußere Anker, an den sich ein Imagio heftet, das, woran sich die Kompassnadel des Innern dreht. Er kann gewählt sein, wenn jemand eine Musik hört oder ein Bild betrachtet, und er kann sich aufdrängen, wie das Hupen draußen oder eine Geste, die plötzlich an ein altes Gesicht erinnert. Im erlittenen Imagio ruft er den Menschen auf, ohne dass dieser ihn gewählt hätte; im gestalteten wählt der Mensch selbst, woran er sich ausrichtet.
Imaginäre Menschenrechte beschreibt, was geschieht, wenn Orto überflutet wird: Jede Meldung, jede Kampagne, jeder Bericht ist ein solcher Anker, und wo zu viele zugleich ziehen, weiß das Innere nicht mehr, wohin es sich wenden soll – und wendet sich nirgendwohin. Auch das Imagieren setzt nach Grundblindheit hier an und lehrt, dieses zu sehen und jenes zu übergehen. Grund für Israel nennt nüchterne Dinge, an denen sich innere Bilder entzünden können: einen Schreibtisch unter grünem Lampenlicht, einen Stempel auf einem Aktendeckel, eine Liste mit Namen.
„Orto stellt nicht die Gestalt her; er löst sie aus. Aber ohne ihn wäre nichts.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Wie viele Anlässe setzt die Meldung zugleich – und bleibt dem Leser Zeit, an einem davon eine eigene Gestalt zu bilden?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Imagio · Emotio · Imagieren · Suggestion
Die leibliche Schicht einer inneren Gestalt: das Engwerden in der Brust, das Frösteln im Nacken – was einen Menschen trifft, bevor er es benennen und ordnen kann.
Emotio ist nicht das Gefühl als Etikett, sondern das leibliche Geschehen, das jeder Benennung vorausgeht: ein Stechen im Bauch, ein Heißwerden im Gesicht, ein Zusammenzucken. Hier trifft sich das Innere mit dem Leibhaften, das zur Färbung wird; darum trifft derselbe Anlass den einen Menschen anders als den nächsten. Imaginäre Menschenrechte zeigt es an Nachrichtenbildern: Wer Bilder aus Aleppo, Mariupol oder Darfur sieht und weinen möchte, ohne zu wissen warum, dessen Emotio hat die Grundbedrängnis des Anderen erkannt, noch bevor der Verstand zu ordnen beginnt.
Diese Schicht kann verdünnt werden. Verteilt sich die Bestürzung auf zu viele Anlässe, wird sie dünn wie Farbe, die man auf einer zu großen Fläche verstreicht, und deckt nirgendwo mehr. Im erlittenen Imagio flutet Emotio und überlagert jede andere Wahrnehmung; im gestalteten wird sie als Klang aufgenommen, an dem sich das Weitere abstimmt. Grundblindheit gibt ihr noch eine Aufgabe: Sie stellt das Conscio ein, das dort als Blende erscheint – unter einer bedrängenden Emotio zieht es sich eng, unter einer getrosten weitet es sich.
„Emotio ist der Grund, warum dieselbe Nachricht den einen Menschen erschüttert und den anderen kaltlässt“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Bleibt der Bestürzung Zeit, sich zu setzen, oder wird sie von der nächsten Meldung weggeschwemmt?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Imagio · Orto · Conscio · Grundbedrängnis
Das ordnende Element einer inneren Gestalt: die oft halbbewusste Logik, die aus einer Empfindung ein Urteil macht und den Einzelfall mit etwas Allgemeinem verknüpft.
Ratio ist nicht die Vernunft der Philosophiegeschichte und nicht das Rechnen der Mathematik, sondern das, was im Innern verknüpft: dies gehört zu jenem, hier liegt ein Zusammenhang. Sie folgt der Eigenlogik, die ein Inneres entwickelt hat, und kann darum sehr genau ordnen, ganz an der Sache, oder sehr daneben, ganz an alter Furcht oder fremden Befehlen. Der Mann in der Bäckerei, den die Verkäuferin übersieht, ordnet blitzschnell: So geht man nicht mit Menschen um. Grund für Israel fügt hinzu, dass diese Logik in Sekundenbruchteilen zufälliges Zusammentreffen zu Ursache und Wirkung verdichten und Einzelfälle zu Mustern erheben kann.
Imaginäre Menschenrechte beschreibt, was geschieht, wenn Ratio kein Kriterium bekommt: Wird alles gleich dringlich zugetragen, dreht sie leer wie ein Motor, der Gas bekommt, aber keinen Gang eingelegt hat. Grundblindheit zeigt beide Seiten: Das Imagieren legt hier Begründungen ein, mit denen sich ein Mensch erklärt, was er tut; zugleich kann Ratio mit der Perspectio erkennen, dass eine Gestalt nicht von innen stammt.
„die Ordnung, die Ratio braucht, ist eine Rangfolge“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Gibt die Darstellung eine Rangfolge, an der sich das Urteil ordnen kann, oder stellt sie alles gleichrangig nebeneinander?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Imagio · Emotio · Perspectio · Imagieren
Der innere Satz, der wie ein Gesetz wirkt, ohne dass jemand ihn erlassen hätte – „Du musst“, „Du darfst nicht“ –, eigener oder übernommener Herkunft.
Lex ist die innere Gesetzgebung einer Gestalt, der Imperativ, der zum Handeln drängt oder davon abhält. Sie kann aus tiefer eigener Erfahrung stammen oder fremden Ursprungs sein – die Lex des Vaters, der Lehrerin, des Algorithmus –, übernommen, ohne ganz verstanden zu sein. Imaginäre Menschenrechte zeigt ihre Spannweite: Eine Lex kann befreien – Folter darf nicht sein, niemals, unter keinen Umständen – und sie kann fesseln – du darfst die Türklinke nicht berühren, sonst stirbt jemand. Es kommt darauf an, woher sie stammt. Grund für Israel nennt sie die sprachliche Verdichtung einer inneren Gestalt: die Stelle, an der eine diffuse Lage zur formulierbaren Regel wird.
Wo zu viele Imperative zugleich einströmen – du musst dich empören, du musst spenden, du musst teilen –, werden sie nach Imaginäre Menschenrechte inflationär und verlieren ihren Wert wie inflationäres Geld. Grundblindheit kennt dagegen auch eine Lex, die öffnet: die stehende Regel, kein Bild für sich zu nehmen, sondern es auf den Grund hin zu befragen.
„sie spricht im Inneren, also klingt sie wie das Eigene“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Bietet die Meldung Gründe an, oder setzt sie nur Imperative – du musst dich empören, du musst dich positionieren?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Imagio · Ratio · Volo · Imagieren
Der Standort, von dem aus ein Mensch innerlich auf ein Geschehen blickt: mitten darin oder daneben, eng wie aus dem Augenwinkel oder weit wie vom Berggipfel.
Jede innere Gestalt hat einen inneren Beobachter. Sein Standort kann eng sein, dann ist nur ein Ausschnitt im Blick, oder weit, dann öffnen sich Zusammenhänge. Er kann mitten im Geschehen liegen – der Mensch ist dann die Wut, die Sehnsucht, die Angst – oder daneben: Dann erkennt er das Imagio als etwas, das in ihm ist, ohne mit ihm identisch zu sein. Grundblindheit sagt, Perspectio mache den Unterschied zwischen Gefangenheit und Freiheit oft mehr als die übrigen vier Elemente zusammen. Imaginäre Menschenrechte nennt sie vielleicht das Subtilste der fünf, und Grund für Israel sagt, warum: Sie benennt keinen Inhalt, sondern einen Standort.
Imaginäre Menschenrechte zeigt beide Richtungen: Weit sieht Perspectio im Anderen seinesgleichen, eng nur die eigene Kränkung. Und sie verengt sich nach dem Buch nicht aus Bosheit oder Gleichgültigkeit, sondern aus Erschöpfung: Wer zu viel sieht, zieht den Blick auf das Nächstliegende zurück – die eigene Miete, das eigene Kind, den eigenen Rücken.
„Perspectio ist der innere Berggipfel – oder die innere Passkontrolle. Beides mit denselben Augen.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Weitet die Darstellung den Blick so, dass im Betroffenen ein Mensch in derselben Lage sichtbar wird, oder verengt sie ihn auf das Eigene?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Imagio · Conscio · Ratio · Lebenskapsel
Die zwei Weisen, in denen innere Gestalten auftreten: pathisch, wenn sie einem Menschen widerfahren wie eine Angst, poietisch, wenn er sie selbst formt wie eine Überzeugung.
Pathisch kommt vom griechischen pathos, dem Erleiden, poietisch von poiesis, dem Hervorbringen. Ein pathisches Imagio ergreift den Menschen: Ein Anlass ruft ihn auf, den er nicht gewählt hat, eine leibliche Welle überlagert alles, das Ordnen folgt der Logik des Bildes, der Blick verengt sich zum Schlitz – so beim Mann auf der Autobahnbrücke, den die Tiefe zu rufen scheint. Ein poietisches Imagio wird gebildet, etwa wenn eine Studentin nach einem Bericht über Folter in sich den Satz formt, dieses Unrecht dürfe nicht sein. Pathisch heißt nicht krankhaft; viele erleben solche Zustände, ohne krank zu sein.
Die Trennung ist nicht binär: Eine erlittene Gestalt kann durch lange Arbeit ihr Drängen verlieren, eine gestaltete zum bloßen Imperativ verhärten. Grund für Israel zeigt eine dunkle Form des Erlittenen: Was in Auschwitz, Treblinka und Sobibor geschah, blieb nicht dort, sondern wurde mitgenommen, als pathisches Imagio, als Narbe in den Muskeln, im Schlaf, im Zusammenzucken bei einem Geräusch.
„Wer poietische Imagines pflegt, gestaltet sein Inneres. Wer pathischen Imagines erliegt, wird von seinem Inneren regiert.“ – aus Grund für Israel
Im Grundriss: Erzeugt die Meldung eine Angst, die den Leser ergreift, oder gibt sie ihm Stoff, sich selbst ein Urteil zu bilden?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Grund für Israel · Siehe auch: Imagio · Volo · Appetio · Conscio · Pseudopoiesis
Die Kraft des gerichteten Entschlusses: kein vager Wunsch und kein blinder Trieb, sondern das innere „Dies soll sein“, mit dem sich ein Mensch auf etwas hin ausrichtet.
Das Wort ist lateinisch und heißt: ich will. Gemeint ist nicht das angestrengte Wollen, das die Zähne zusammenbeißt, sondern das leise Drehen eines Steuerrades, mit dem ein Mensch sich hinwendet oder abwendet, etwa wenn er beschließt weiterzulesen. Volo lässt sich weder auf das Gefühl noch auf das ordnende Urteil noch auf ein inneres Gebot zurückführen; man kann wollen, was man nicht fühlt und nicht versteht. Grundblindheit und Imaginäre Menschenrechte grenzen es von Spinozas Streben nach Selbsterhaltung und von Schopenhauers blindem Willen ab: Volo ist ein Akt, kein Trieb. Im Bild von Imaginäre Menschenrechte ist es nicht das Wasser, das bergab fließt, sondern der Mensch am Ufer, der beschließt, einen Damm zu bauen.
Wer eingesperrt wird, dessen Volo richtet sich, kann aber nicht handeln; darum zählt Imaginäre Menschenrechte die Freiheit zum harten Kern. Die Algorithmen hinter dem Bildschirm, so Grundblindheit, liefern fremde Gebote und nehmen den Entschluss weg. Grund für Israel findet Volo im Arzt, der unter Bedrohung weiter operiert, und nennt es das stille Dennoch.
„Volo ist der Moment, in dem das poietische Imagio seine Richtung findet.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Wird Menschen die Möglichkeit genommen, nach eigenem Entschluss zu handeln – durch Haft, Zwang oder Fesselung an einen Ort?
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Die Lust am Formen selbst: die Freude, etwas hervorzubringen, das vorher nicht da war – wie das Kind, das staunend den ersten selbst gezeichneten Kreis betrachtet.
Das Wort kommt vom lateinischen appetere, hinstreben, sich zuwenden. Gemeint ist nicht die Lust an einem bestimmten Ziel, auch nicht die Lust des Körpers oder des Konsums, obwohl sie sich dort zeigen kann, sondern der Drang zur Form, der in jedem Schritt sich selbst genügt: die Freude des Bäckers, wenn der Teig richtig wird, oder der Frau, die für einen Brief den richtigen Satz findet. Appetio ist nicht Volo; man kann den Drang zu formen spüren, ohne sich entschieden zu haben, ihm zu folgen.
Grundblindheit zieht daraus eine Unterscheidung: Wo Appetio ein Werk hervorbringt, wird das Innere genährt; wo nur noch erworben wird, was ein anderer geformt hat, und sofort das Nächste nötig ist, wird es aufgezehrt. Imaginäre Menschenrechte sagt, in der Sklaverei werde Appetio ausgelöscht. Grund für Israel sieht Appetio im Satz eines Dichters, im gepflanzten Baum, in einer Firmengründung, im Ja zur Form, und warnt, dass der Gestaltungsdrang sich verengt, wenn jede Form zuerst Verteidigung werden muss.
„Appetio ist die Kraft, die zur Form hindrängt, ohne dass die Form schon da wäre.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Lässt die Lage Menschen Raum, etwas selbst hervorzubringen, oder wird das Nächste gefordert, ehe das Erste begonnen ist?
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Der innere Raum der Möglichkeiten: jene Weite des Bewusstseins, in der Alternativen sichtbar werden und Verbindungen entstehen, die nicht selbstverständlich sind.
Das Wort kommt vom lateinischen conscius, mitwissend, mitsehend. Conscio ist mehr als das bloße Wachsein, das nur seine Basis bildet: der Raum, der sich öffnet, wenn ein Mensch wirklich sieht, versteht und erwägt. Imaginäre Menschenrechte beschreibt ihn an einer Nacht unter freiem Sternenhimmel, in der innen plötzlich vieles möglich erscheint, und unterscheidet ihn von der Perspectio: Diese bestimmt den Standort des Beobachters, Conscio öffnet den Raum, in dem überhaupt beobachtet werden kann. Er kann sich weit öffnen oder schrumpfen; Müdigkeit verengt ihn, Schmerz besetzt ihn, Überfüllung macht ihn eng.
Darum ist er verletzlich. Grundblindheit sagt, die Maschinerie hinter dem Bildschirm greife nicht den Leib an, sondern das Conscio: Sie raube nicht eine Information, sondern die Stelle, von der aus ein Mensch sich seinem Grund aussetzen könnte. Imaginäre Menschenrechte zählt elementare Bildung zum harten Kern, weil sie diesen Raum gegen erzwungene Verkümmerung schützt. Grund für Israel nennt Musik, Gebet, Ironie und Literatur Mittel, mit denen er gegen die totale Besetzung durch Angst verteidigt wird.
„Perspectio ist das Auge. Conscio ist das Licht.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Hält die Darstellung den Raum offen, in dem der Leser Möglichkeiten erkennt, oder füllt sie ihn mit einer Reizfolge?
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Ein Tun, das schöpferisch aussieht, aber in Wahrheit getrieben ist – erkennbar daran, dass es nie zur Ruhe kommt, auch wenn das Werk längst getan ist.
Der Begriff stammt aus Grundblindheit und bezeichnet einen Sonderfall, nicht den Normalfall des Innenlebens: Eine Kraft des Innern wird von einer anderen Macht durchdrungen und arbeitet in deren Dienst, ohne dass der Mensch es bemerkt; heraus kommt eine Gestalt, die schöpferisch scheint und in Wahrheit erlitten ist. Das Buch nennt zwei Quellen. Die eine ist der Druck des Leibes, wie in den Süchten: Der Säufer meint, er entscheide selbst zu trinken. Die andere ist ein verfestigtes Bild, das jede Regung in seine Bahn lenkt: Der Karrierist meint, sein Werk treibe ihn, in Wahrheit hält ihn das Bild des Anerkannten.
Das Kennzeichen ist ein einziges: Die pseudopoietische Bewegung kommt nie zur Ruhe. Ein Mann von zweiundsiebzig Jahren zieht im Haus seiner Tochter Schrauben nach, die fest sitzen; nicht das Werk sucht er, sondern die Fortsetzung seines Bildes als der Gebrauchte. Dieselbe Figur findet das Buch im Sammeln, im nächtlichen Scrollen, im religiösen Perfektionismus und in der ideologischen Fixierung, die keine Sache verteidigt, sondern den nächsten Gegner sucht.
„Die schöpferische Kraft, die wirklich am Werk ist, kommt zur Ruhe, wenn das Werk vollendet ist.“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Kommt die Maßnahme zur Ruhe, wenn ihr Werk getan ist, oder erzeugt sie den nächsten Gegner, den nächsten Bericht, das nächste Programm?
Entwickelt in: Grundblindheit · Siehe auch: Pathisch und poietisch · Appetio · Volo · Imagio
Das gezielte Einwirken auf die inneren Bilder eines anderen Menschen, wie es Eltern, Lehrer, Werbung, Politik, Liebe und Hass tun – unvermeidlich, doch nicht gleichgültig, unter welchen Bedingungen.
Das Wort ist vom Imagio her gebildet und meint nicht das eigene Vorstellen, sondern den Eingriff in ein fremdes Inneres: Jemand stellt die Imagines eines anderen um, ergänzt, ersetzt, vergiftet oder heilt sie. Anders als die unwillkürlichen Spuren, die jeder im anderen hinterlässt, geschieht es mit Absicht oder doch mit einer Stoßrichtung, und es greift an allem an, was eine innere Gestalt ausmacht: an dem, was einer wahrnimmt, fühlt, begründet, sich gebietet und womit er sich vergleicht. Wer es bemerkt, sagt: Er hat mir ein Bild von mir gemacht. Wer es nicht bemerkt, lebt darin.
Grundblindheit unterscheidet alltägliches Imagieren in Erziehung und Liebe, gerichtetes der Werbung und Politik und totalisierendes der Sekten und geschlossenen Ideologien. Ohne Imagieren gäbe es weder Sprache noch Bildung noch Gemeinschaft; entscheidend sind die Bedingungen: mit oder ohne Wissen, mit oder ohne Rückwehr, vielstimmig oder im Monopol. Am leichtesten gelingt es, wo einer sich selbst am wenigsten kennt, und es verstärkt die Grundblindheit, weil es das Fremde mit dem Eigenen verschmilzt.
„Imagieren ist die Bewegung, in der Menschen aufeinander Welt machen“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Wer bearbeitet hier wessen Bilder – offen oder verdeckt, mit Raum für Widerspruch, aus einer Stimme oder aus vielen?
Entwickelt in: Grundblindheit · Siehe auch: Suggestion · Rückwehr · Imagio · Grundblindheit
Der Vorgang, durch den Bilder, Worte, Rituale, Institutionen und Wiederholungen die inneren Gestalten eines Menschen formen, erhalten oder verändern.
Imaginäre Menschenrechte meint mit dem Wort ausdrücklich nicht Manipulation oder Propaganda. Jede Gesellschaft lebt von Suggestion; ohne sie gäbe es keine gemeinsamen Überzeugungen, und jede Generation müsste das moralische Wissen der Menschheit neu erarbeiten. Ob aus ihr eine eigene Überzeugung wird, hängt davon ab, ob die schöpferischen Kräfte beteiligt sind. Die Grenze zeigt eine Schulstunde: Liest ein Lehrer die Menschenrechtserklärung vor und fragt, was die Schüler davon halten, ist das keine Suggestion, denn ihr Inneres arbeitet. Lässt er alle ein Versprechen unterschreiben, ist es Suggestion, weil der Weg die innere Arbeit umgeht, auch wenn der Inhalt richtig ist.
Das Problem beginnt, wo Suggestion nicht unterscheidet. Das Buch nennt das Geflecht aus Verträgen, Gremien, Kampagnen und Berichten, das seit 1948 um die Menschenrechte gewachsen ist, eine Maschine, nicht böswillig, doch unaufhörlich und unterschiedslos suggerierend. Das Gegenstück der Suggestion ist die Abgrenzung: die Arbeit des Bildhauers, der wegnimmt, bis die Gestalt hervortritt. Auch Grundblindheit kennt eine suggestive Architektur – keinen Zwang, der befiehlt, sondern eine Überschüttung, die das Innere unter Ansprüchen begräbt.
„Suggestion fügt hinzu. Abgrenzung nimmt weg.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Legt die Meldung Material vor, an dem der Leser selbst urteilen kann, oder umgeht sie seine innere Arbeit?
Entwickelt in: Grundblindheit · Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Imagieren · Interio · Rückwehr · Kern
Die Möglichkeit, sich gegen das Einwirken anderer auf das eigene Innere zu wehren – etwa nachzufragen und zu widersprechen.
Das Wort gehört zu den drei Fragen, mit denen Grundblindheit das Imagieren beschreibt, statt sich moralisch darüber zu empören: ob es mit Wissen des Betroffenen geschieht, ob es eine Möglichkeit der Rückwehr gibt und ob es vielstimmig ist oder monopolisiert. Das Buch setzt Rückwehr und Abwehr nebeneinander und schreibt verkürzt „Rück-/Abwehr“. Sein Beispiel: Eine Schule, in der Schüler ihre Lehrer befragen und ihnen widersprechen können, imagiert anders als ein Lager, in dem Widerspruch das Leben kostet. Dem totalisierenden Imagieren von Sekten und geschlossenen Ideologien fehlt beides, der Raum für Gegenstimmen und die Möglichkeit der Rückwehr.
Kommen alle drei Bedingungen ungünstig zusammen – ohne Wissen, ohne Rückwehr, im Monopol –, entsteht, was das Buch Indoktrination nennt; kommen sie günstig zusammen, entsteht etwas, das Bildung trägt und die Möglichkeit bewahrt, dass die Grundblindheit dünner wird. Zugleich hält das Buch fest, dass sich nur wehren kann, wer die Bedingungen seiner eigenen Imagiertheit erkennt – und dass gerade dies die Grundblindheit erschwert.
„Zweitens: Gibt es eine Möglichkeit der Rückwehr bzw. Abwehr?“ – aus Grundblindheit
Im Grundriss: Lässt die Darstellung dem Leser Raum zu Rückfrage und Widerspruch, oder legt sie ihm ein fertiges Bild vor?
Entwickelt in: Grundblindheit · Siehe auch: Imagieren · Suggestion · Grundblindheit · Interio
Die vierzehn Menschenrechte, die übrig bleiben, wenn man jedes Recht fragt, ob es einen Menschen vor erzwungener Zerstörung oder Deformation durch andere schützt.
Der Begriff stammt aus Imaginäre Menschenrechte. Das Buch stellt an jedes proklamierte Recht eine einzige Frage: Schützt es das Hiersein einer Lebenskapsel gegen Grundbedrängnis, gegen erzwungene Deformation oder Zerstörung durch andere? Wenn ja, ist es ein Menschenrecht; wenn nein, mag es ein berechtigtes politisches Anliegen sein, aber kein Menschenrecht. Wie ein Bildhauer, der wegnimmt, bis die Gestalt hervortritt, legt das Buch so vierzehn Rechte frei, darunter das Recht auf Leben, die Verbote von Folter und Sklaverei, Gedanken- und Meinungsfreiheit, Privatsphäre, elementare Bildung und die physische Existenzsicherung dort, wo ihr Fehlen einen Menschen bricht.
Das Völkerrecht kennt mit den notstandsfesten Rechten bereits einen harten Kern, doch aus Erfahrung und Kompromiss begründet, nicht aus der Struktur des Hierseins. Einen noch härteren Kern aus drei oder vier Rechten verwirft das Buch: Der Bildhauer solle nicht meißeln, bis nur noch Staub übrig ist. Grund für Israel hält fest, dass der Schutz der einzelnen Lebenskapsel absolut ist; wer ihn nur einer Seite zugesteht, habe Menschenrechte nicht verstanden, sondern instrumentalisiert.
„Wenn der Meißel die Arbeit getan hat, bleibt ein Kern. Er ist schmal. Er ist hart. Er leuchtet.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Droht einem Menschen, von anderen gebrochen oder gewaltsam deformiert zu werden – durch Tötung, Folter, Versklavung, willkürliche Haft –, oder geht es um Verteilung und Standard?
Entwickelt in: Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Schwelle · Grundbedrängnis · Hiersein · Würde · Lebenskapsel
Die Grenze, an der ein soziales Anliegen zum Menschenrecht wird: wo Hunger, Kälte, fehlendes Obdach oder verweigerte Grundversorgung einen Menschen physisch brechen oder bleibend schädigen.
Soziale Sicherheit und ein angemessener Lebensstandard sind nach Imaginäre Menschenrechte wichtige politische Ziele, aber erst an einer Schwelle Menschenrechte: dort, wo ein Mensch hungert, friert, verdurstet oder an behandelbaren Krankheiten stirbt, weil ihm die Grundversorgung verweigert wird. Oberhalb der Schwelle beginnt, was das Buch gute Politik nennt: gerechte Verteilung, sozialer Kampf, die Frage, ob die Wohnung groß genug und der Kühlschrank voll genug ist. Das ist nicht weniger wichtig, sondern anders wichtig und verdient andere Mittel: Verfassungen, Gesetze, Sozialpolitik, Tarifverträge, internationale Zusammenarbeit, konkret und durchsetzbar statt proklamiert.
Wo genau die Schwelle liegt, sagt das Buch nicht in Kalorien oder Temperaturen. Wie im Strafrecht bei der Körperverletzung wird die Grenze im Einzelfall gezogen; die Unschärfe sei die Ehrlichkeit des Kriteriums, eindeutig nur die Richtung: vom Phaenon zum Grund. Kulturell verschieden ist die Lage der Schwelle, nicht ihr Dasein. Grundblindheit und Grund für Israel fragen, was geschieht, wenn die Bedingungen des Hierseins unter eine Schwelle fallen; Grund für Israel begreift ihren Schutz als Menschenrecht, das aus der Struktur des Hierseins folgt.
„Dort – und nur dort – wird aus dem sozialen Anliegen ein Menschenrecht. Der Rest ist gute Politik.“ – aus Imaginäre Menschenrechte
Im Grundriss: Wird unter der Schwelle gekürzt – bei Essen, Obdach, Versorgung – oder oberhalb verteilt, und welches Mittel trägt die Forderung: Gesetz, Tarifvertrag, Sozialpolitik oder bloß eine Proklamation?
Entwickelt in: Imaginäre Menschenrechte · Siehe auch: Kern · Grundbedrängnis · Phaenon · Tragbedingungen · Hiersein
Ein Ort, der schwer wird, weil sich Gebet, Erinnerung, Verlust und Hoffnung vieler Menschen an ihn gebunden haben – nicht, weil der Boden selbst etwas empfände.
Der Begriff stammt aus Grund für Israel. Nach diesem Buch gewinnt ein Ort Gewicht nicht, weil Erde Bewusstsein hätte oder Stein fühlte, sondern weil sich an ihm Gehalte sammeln, die in vielen einzelnen Menschen leben: Gebet, Herkunft, Verlust, Verheißung, Treue, Wunde, Sprache, Erinnerung, Zukunft. Das Buch zeigt es an einem Stein, an den Generationen ihre Stirn gelegt, an dem sie geweint und gehofft und in dessen Ritzen sie Zettel geschoben haben. Die Bedeutung liegt dann weder bloß im Stein noch bloß im Menschen; sie entsteht in der Bindung. Dasselbe gilt, dunkler, für die Orte der Vernichtung.
Solche Schwere lässt sich nicht beschließen, weder von einem Parlament noch durch einen Strich auf der Karte; sie wächst aus Wiederkehr, Ritus, Geburt, Trauer, Fest, Arbeit und Erinnerung. Weil das Gewicht nicht im Boden selbst liegt, ist ein Ort nach dem Buch nicht absolut: Sein Verlust kann schwer wiegen, absolut bleibt nur der Schutz des einzelnen Menschen. Ausdrücklich grenzt das Buch diese Sicht von einer Bodenmystik ab, die Ländern eine eigene Seele zuschreibt.
„Orte sind ontologisch wichtig, weil sie Verdichtungsorte des Interio sind.“ – aus Grund für Israel
Im Grundriss: Wird ein Ort als Träger dessen geachtet, was Menschen an ihn gebunden haben, oder als bloße Fläche behandelt oder zur politischen Variable gemacht?
Entwickelt in: Grund für Israel · Siehe auch: Interio · Lebenskapsel · Grund
Ein Verständnis von Schutz, das nicht nur nach Grenze, Abschreckung und Feuerkraft fragt, sondern nach dem, was Leben tatsächlich trägt: Wasser, Nahrung, Wohnung, Versorgung, Infrastruktur, Vermittlung.
Der Begriff stammt aus Grund für Israel, das zwei Weisen unterscheidet, Schutz zu verstehen. Der enge Schutzbegriff fragt nach Grenze, Abschreckung, Feuerkraft, Reaktionsgeschwindigkeit und Verteidigungsfähigkeit. Der weite fragt nach dem, was Lebenskapseln tatsächlich trägt: Wasser, Luft, Boden, Nahrung, Wohnung, medizinische Versorgung, zivile Infrastruktur, diplomatische Entschärfung, verlässliche Vermittlung, politische Deeskalation, ökologische Stabilität, kulturelle Zukunftsfähigkeit. Wer meint, ohne Waffen werde man wehrlos, denkt nach dem Buch in einer alten Alternative; zugleich sagt es ausdrücklich nicht, jede Bewaffnung sei unter allen Umständen illegitim.
Dahinter steht eine Beobachtung: Die größten Gefährdungen vieler Menschen folgen nicht allein aus Panzern und Raketen, sondern auch aus zerstörter Umwelt, zerfallender Infrastruktur, Ressourcenkrisen, Vertreibung und Hunger. Stark sein kann ein Land nach dem Buch auch, indem es Konflikte nicht erst an der Schwelle des Einschlags bearbeitet, sondern weit vorher. Verwandt ist, wie Grundblindheit den Frieden fasst: als Schutz der Kapseln vor erzwungener Entkrümmung und als Aufbau von Bedingungen, unter denen die Gründe des Tötens schwächer werden; über Auf- oder Abrüstung nimmt es ausdrücklich keine Partei.
„Die eigentliche Gegenmöglichkeit lautet nicht Wehrlosigkeit, sondern Umformung des Schutzbegriffs.“ – aus Grund für Israel
Im Grundriss: Fasst die Maßnahme Schutz eng – als Grenze, Abschreckung, Feuerkraft – oder weit – als Wasser, Wohnung, Versorgung, Vermittlung?
Entwickelt in: Grund für Israel · Siehe auch: Halt · Tragbedingungen · Lebenskapsel · Entkrümmung
Was ein Leben trägt und hält – eine Hand, eine Ordnung, und im Gemeinwesen Schule, Brücke, Krankenhaus und erreichbare Arztpraxis.
In Grund für Israel wird Halt zum Schlüsselwort für die Stärke eines Gemeinwesens. Eine Brücke, eine Schule, ein Krankenhaus, ein funktionierender Zug, eine erreichbare Hausarztpraxis, ein Fluss, der nicht vergiftet ist – all das nennt das Buch Formen des Haltens, in denen ein Staat die Bedingungen tragfähigen Hierseins nicht bloß rhetorisch anerkennt, sondern materiell schützt. Im Ganzen spricht es von einer Architektur des Haltens und verklärt sie nicht: Auch Schulen scheitern, auch Krankenhäuser werden vernachlässigt. Wo es um die geschichtliche Last deutscher Schuld geht, erwägt es den Umschlag von einer Architektur des Entzugs in eine des Haltgebens.
In Grundblindheit halten zuerst die Tragbedingungen die Kapsel, solange sie hält: Wärme, Nahrung, Schutz, eine Hand, die hält, eine Ordnung, die hält. Dasselbe Buch zeigt aber auch eine Suche nach Halt, die in die Sucht führt: Die Gier sucht eine wiederholbare Form, die Halt verspricht, und wo das Innere unter zu vielen Ansprüchen erlahmt, klammert sich mancher an einen einzigen Punkt, der den Lärm für einen Augenblick stillstellt.
„Stärke ist die Fähigkeit, Halt zu schaffen, bevor Zerstörung alternativlos erscheint.“ – aus Grund für Israel
Im Grundriss: Entsteht Halt – eine Schule, eine Brücke, eine erreichbare Praxis –, oder bleibt es bei Zeichen und Ankündigungen?
Entwickelt in: Grundblindheit · Grund für Israel · Siehe auch: Tragbedingungen · Weiter Schutzbegriff · Entzug · Hiersein
Über jeder Überschrift steht in Kapitälchen, in welchem Ring und in welchem Feld eine Meldung liegt – etwa „Tagesring · Rente und Alter“. Die Felder ordnen die Nachrichten nach dem, was sie im Leben berühren.
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Das Glossar wächst mit der Depesche.